Bildung mit Zwang oder mit Zustimmung?

Ein Schüler der Diablo Valley School, USA.

Glücklicherweise ist es mittlerweile normal, dass man andere um ihre Zustimmung fragt, bevor man etwas mit ihnen macht. Beim Arzt wird man erst über verschiedene Behandlungsmöglichkeiten aufgeklärt, bevor diese durchgeführt werden. Bevor man jemanden fotografiert, fragt man, ob das ok ist. Bevor man einem Menschen im Rolli beim Einsteigen in den Bus hilft, fragt man, ob die Hilfe erwünscht ist. Auch bei sexuellen Handlungen ist es mittlerweile normal, dass man vorher nach Zustimmung fragt.

Das Zauberwort lautet Zustimmung (engl. Consent).

Für viele Menschen ist es jedoch immer noch ungewöhnlich, auch Kinder & Jugendliche um Zustimmung zu bitten, bevor man z.B. Unterricht mit ihnen macht. Aber warum? Haben sie nicht den gleichen Respekt verdient wie Erwachsene? Sie sollen doch einmal verantwortungsvolle Erwachsene werden, für die es ganz normal ist, andere um Zustimmung zu fragen?

Zustimmung ist für mich eines der Kernelemente meiner Haltung. Im Detail bedeutet das für mich:

  • Anwesenheit in Unterricht/Kursen ist freiwillig. Die Kinder & Jugendlichen müssen die Wahl haben, ob sie daran teilnehmen oder nicht. Sie müssen einen Ausweichort haben, an dem sie sich aufhalten können.
  • Übernahme von Verantwortung ist freiwillig. Niemand wird gezwungen, z.B. Besucherbeauftragter zu werden, sondern es gibt eine Wahl, welche der/die gewählte auch ablehnen kann.
  • Die Wahl, auf welche Schule die Kinder/Jugendlichen gehen, bedarf ihrer Zustimmung.

Übrigens heißt das für mich nicht, dass mir egal ist, was die Kinder & Jugendlichen machen (d.h. kein laissez faire). Nein, ich interessiere mich sehr dafür, und wenn ich sehe, dass sie z.B. nicht lesen und schreiben können, werde ich sie darauf hinweisen, dass mir das eine sehr nützliche Fähigkeit zu sein scheint, die man braucht um als Erwachsener erfolgreich zu sein. Ich werde nachfragen, wie es ihnen geht, vielleicht machen sie ja gerade psychisch eine schwere Phase durch, die es ihnen unmöglich macht, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Ich bleibe in Beziehung mit den Kindern und Jugendlichen, aber zu keiner Zeit kann ich sagen: Du setzt dich jetzt hier hin und machst diese Matheaufgaben, keine Widerrede!

Eine Art „Lernvereinbarung“ finde ich aber ok. Es kann ja sein, dass ein Kind sagt: Ich will XY lernen, aber ich schaffe es nicht, mich zu motivieren. Dann können wir einen Vertrag machen, wo z.B. drin steht, dass das Kind im ersten Schulhalbjahr maximal ein Mal nicht zum Kurs kommt, dass es die Materialien immer vollständig dabei hat und dass es maximal 5min zu spät kommen darf. Für den Fall des Vertragsbruchs macht man sich etwas aus wie „Kuchen mitbringen“ oder ähnliches. Ich als Lehrkraft verpflichte mich im Gegenzug, pünktlich und gut vorbereitet zu sein. Das wird von beiden Parteien unterschrieben, gilt also nur mit der Zustimmung von beiden Seiten!

Tipp: Es gibt einen einfachen Test, um zu sehen, ob man mit Kindern & Jugendlichen gerade respektvoll umgeht. Man fragt sich: Hätte ich das einem gleichaltrigen Freund/Kollegen auch so gesagt?

Ich hoffe, dass die Mehrheit die Logik bald erkennt: wenn wir eine freiere, respektvollere Gesellschaft haben wollen, müssen wir mit Kindern & Jugendlichen genauso respektvoll umgehen wie mit Erwachsenen. Denn sie sind die Erwachsenen der Zukunft.

Das folgende Video von Blake Boles (Englisch) hat mich dazu bewegt, das was ich schon lange denke auch mal auf diesem Blog zu veröffentlichen:

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