Wenn man eine Regel bricht

Schülerinnen und Schüler können ihre Aktivitäten an unserer Schule frei wählen, wir zwingen sie nie zum Unterricht — doch das bedeutet nicht, dass man tun kann, was man will. In diesem Blogeintrag erkläre ich, wie wir mit Regelbrüchen umgehen, wie wir eine Kultur des gegenseitigen Respekts pflegen, und wie wir unsere Schulgemeinschaft gegen zerstörerisches Verhalten schützen.

Ein Schüler nach einer gespielten Hochzeit. Was passiert, wenn er die Dose liegen lässt statt sie in den Mülleimer zu werfen?

Derzeit haben wir 247 Regeln in unserem Regelbuch, alle Regeln sind irgendwann in den letzten 20 Jahren in der Schulversammlung beschlossen worden. Die Schulversammlung trifft sich wöchentlich, alle Schüler*innen und Mitarbeiter*innen können teilnehmen und haben je eine Stimme, Beschlüsse benötigen einfache Mehrheit. Jeder kann neue Regeln vorschlagen oder die Änderung alter Regeln beantragen. Der Vorschlag wird diskutiert und steht in der folgenden Woche zur Abstimmung. In der Schule sind mehrere Kopien des Regelbuchs verfügbar.

Alle Schüler*innen und Mitarbeiter*innen müssen die Regeln im Regelbuch befolgen. Wird eine Regel gebrochen, kann jede*r Schüler*in und Mitarbeiter*in eine Beschwerde ans Justizkomitee schreiben — man muss aber nicht. Wenn jemand nicht schreiben kann, können sie andere Kinder/Jugendliche/Mitarbeiter um Unterstützung bitten.

Ein Beispiel: Das Justizkomitee in Aktion

Namen und Details in diesem Beispiel sind erfunden, aber ähnliche Situationen gibt es an unserer Schule oft: Joana (5 Jahre alt) und Jeremy (6) spielen mit Holzklötzern im Großen Raum. Dann gehen gehen sie nach draußen auf die Wiese. Einige Jugendliche sitzen auf der Couch und reden über die Band Twenty One Pilots. Ich komme in den Großen Raum und sehe die Holzklötzer auf dem Boden. Ich frage die Jugendlichen ob sie gesehen haben, wer mit den Holzklötzern gespielt hat. Tim und Tina sagen, es waren Joana und Jeremy. Ich weiß, dass es eine Regel gegen Unordnung gibt, sie lautet:

C2. UNORDNUNG. Jede*r muss seine/ihre Sachen aufräumen, bevor er/sie sich mit etwas anderem beschäftigt. Niemand darf Müll oder Unordnung hinterlassen (ergänzt am 22.11.2005). Jede Person, die Gegenstände benutzt, die jemand anderes vorher benutzt hat, ist ebenfalls für das Aufräumen dieser Gegenstände verantwortlich (ergänzt am 15.10.2008). Wenn du einen Bereich benutzt, musst du ihn vollständig aufräumen wenn du fertig bist, sogar wenn er vorher unordentlich war (ergänzt am 27.5.2015).

Ich denke nach. Ich könnte…

  1. es selbst aufräumen
  2. nichts tun
  3. später wiederkommen, um zu sehen ob Joana und Jeremy aufgeräumt haben
  4. Joana und Jeremy suchen und sie an die Unordnungsregel erinnern
  5. eine Beschwerde ans Justizkomitee schreiben

Ein Beispiel einer Beschwerde ans Justizkomitee (Englisch)

Ich entscheide mich für Option Nummer vier, doch eine halbe Stunde später sind die Holzklötzer immer noch auf dem Boden verstreut, also schreibe ich eine Beschwerde ans Justizkomitee (siehe Bild) und werfe es in den Beschwerdebriefkasten.

Das Justizkomitee (kurz JK) trifft sich jeden Tag um 11 Uhr (Freitags 1 Uhr) und besteht aus sechs Schüler*innen zwischen 5 und 18 Jahren und einem/einer Mitarbeiter*in. Die Sitzungen werden von zwei JK-Beamten geleitet, die viermal im Jahr gewählt werden. Schüler*innen und Mitarbeiter*innen können sich für alle Ämter zur Wahl stellen, z.B. für Anwesenheitsbeamter, Finanzbeamter, und auch für die Position des JK-Beamten. Die Position der JK-Beamten und des Schulversammlungsvorsitzenden wird seit vielen Jahren von Schülern besetzt. Die restlichen Mitglieder des Justizkomitees werden wöchentlich von den JK-Beamten ausgewählt, das heißt dass alle Schüler*innen, auch die fünfjährigen, etwa zwei Wochen pro Schuljahr im Justizkomitee mitwirken; die Mitarbeiter*innen verteilen sich auf feste Wochentage.

Jede Beschwerde wird in drei Phasen vom Justizkomitee bearbeitet: Untersuchung, Anklage, Konsequenz. Es wird versucht, alle Beschwerden zu bearbeiten, die sich angesammelt haben — das dauert normalerweise etwa eine Stunde, aber ich habe auch schon Justizkomitees gesehen die drei Stunden gedauert haben, weil mehrere komplizierte Fälle behandelt wurden. Die JK-Beamten leiten die Sitzung, wer sprechen möchte meldet sich und bekommt von den JK-Beamten das Wort. So könnte ein Justizkomitee ablaufen (Sie können diesen Teil auch überspringen, der Blogeintrag geht unten in schwarzer Schrift weiter):

BESETZUNG

  • Das Justizkomitee: JK-Beamte Carl (15 Jahre) und Cassy (17), Mitarbeiterin Stefani (43), und Schüler*innen Naomi (9), Betty (8), Dave (5), und  Brandon (11). Beschwerdeführer: Alex (31). Zeugen: Tim (15) und Tina (16). Die Angeklagten: Joana (5) und Jeremy (6).

Schritt I: UNTERSUCHUNG

  • [Cassy und Carl rufen das Justizkomitee in den Raum, alle sitzen um einen großen Tisch. Cassy öffnet den Beschwerdebriefkasten, nummeriert die Beschwerden und entscheidet, in welcher Reihenfolge sie bearbeitet werden.]
  • CASSY: Ich eröffne das Justizkomitee. Ich lese jetzt die erste Beschwerde [liest laut vor]
  • CARL: Naomi, kannst du bitte Alex holen?
  • [Naomi holt Alex, beide kommen zurück. Cassy schreibt das Datum und die Namen der Komiteemitglieder auf das Beschwerdeformular]
  • CASSY: Alex, du hast Joana und Jeremy angezeigt, weil sie Unordnung hinterlassen haben. Hast du etwas hinzuzufügen?
  • ALEX: Nein.
  • CARL: Hat das Komitee irgendwelche Fragen an Alex? [Schaut ob es Meldungen gibt. Niemand meldet sich] … Ich sehe keine Meldung. Alex, du kannst gehen. Brandon, holst du bitte Joana und Jeremy?
  • [Alex geht, Brandon geht, kommt mit Joana und Jeremy zurück]
  • CASSY: Joana und Jeremy, Alex hat euch wegen Unordnung angezeigt. Habt ihr gestern im Großen Raum die Holzklötzer liegen lassen?
  • JOANA: Ja.
  • JEREMY: Hmmm.. Ich erinnere mich nicht.
  • [Cassy schreibt Joanas und Jeremys Aussagen auf das Beschwerdeformular]
  • CASSY: Weitere Fragen an Joana und Jeremy? … Ich sehe keine Meldung. Joana und Jeremy, bleibt bitte hier. Brandon, holst du bitte Tim und Tina?
  • [Brandon geht, kommt mit Tim und Tina zurück]
  • CARL: Tim und Tina, habt ihr gesehen wie Joana und Jeremy gestern die Holzklötzer im Großen Raum liegen lassen haben?
  • TIM: Ja ich habe sie gesehen. Sie haben mit Holzklötzern Burgen gebaut und sind dann rausgerannt, ohne aufzuräumen.
  • TINA: Ja, sie haben die Klötzer dort liegen lassen.
  • CARL: Jeremy, hast du die Klötzer liegen lassen?
  • JEREMY: Ähhm, ich glaube schon…
  • [Cassy schreibt Jeremys Aussage auf das Beschwerdeformular]
  • CARL: Weitere Fragen an Tim and Tina?
  • BRANDON: Warum hast du Joana und Jeremy nicht gesagt, dass sie es aufräumen sollen?
  • TIM: Es gibt keine Regel, dass ich anderen eine Regel erklären muss. Klar, ich hätte es tun können, aber ich war mit anderen Sachen beschäftigt.
  • CARL: Weitere Fragen an Tim und Tina? … Ich sehe keine, ihr könnt gehen.
  • [Tim und Tina verlassen den Raum]

Schritt II: ANKLAGE

  • CARL: I beantrage die Anklage „C2: Unordnung“ für Joana und Jeremy. Gibt es weitere Anträge? … Ich sehe keine. Möchte jemand separat für Joana und Jeremy abstimmen? … Ich sehe niemand. Wer ist für die Anklage C2 für Joana und Jeremy? Zur Erinnerung: nur Komiteemitglieder können abstimmen.
  • [Carl, Cassy, Naomi, Betty, Brandon und Stefani melden sich]
  • CARL: Wer ist dagegen?
  • [Niemand meldet sich]
  • CARL: Enthaltungen?
  • [Dave meldet sich]
  • CARL: Sechs – Null – Eins. Joana und Jeremy, wie plädiert ihr? Ihr könnt „schuldig“ „keine Einwände“ oder „nicht schuldig“ plädieren. Wenn ihr „nicht schuldig“ plädiert, geht der Fall zur Schulversammlung, die eine endgültige Entscheidung treffen werden ob ihr schuldig seid oder nicht.
  • JOANA: Schuldig.
  • JEREMY: Keine Einwände.
  • [Cassy schreibt Joanas und Jeremys Plädoyers auf das Beschwerdeformular]

Schritt III: KONSEQUENZ

JK-Beamte in einer kurzen Pause

  • CASSY: Wer hat einen Vorschlag für eine Konsequenz? Zur Erinnerung, jede*r kann Vorschläge machen, auch ihr beide Joana und Jeremy.
  • [Stefani, Brandon, Naomi und Jeremy melden sich]
  • STEFANI: Jeremy und Joana müssen helfen, wenn der Große Raum das nächste Mal geputzt wird.
  • BRANDON: Jeremy und Joana können heute und morgen nicht in den Großen Raum gehen.
  • NAOMI: Eine Woche Schulverbot für beide.
  • JEREMY: Eine Warnung für uns beide.
  • [Cassy schreibt alle Konsequenzvorschläge auf die Rückseite des Beschwerdevorschlags]
  • STEFANI: Naomi, ich glaube dein Vorschlag ist zu streng. Ich denke, Schulverbot ist eher für schwerwiegende Fälle, zum Beispiel wenn jemand jemand anderes schlägt oder beschimpft.
  • CARL: Jeremy, ich glaube eine Warnung ist nicht genug. Ihr beide seid schon seit einem Jahr hier an der Schule, ihr wurdet schon mehrmals wegen Unordnung angezeigt. Ihr kennt also ihr die Regel, dass man keine Unordnung hinterlassen darf.
  • CASSY: Gibt es weitere Vorschläge oder sind wir bereit zur Abstimmung? Zur Erinnerung, jede*r kann seinen/ihren Vorschlag noch ändern oder zurückziehen.
  • NAOMI: Ich ziehe meinen Vorschlag zurück.
  • CASSY: Ok, wir haben drei Vorschläge. (1) Jeremy und Joana müssen helfen, wenn der Großen Raum das nächste Mal geputzt wird. (2) Jeremy und Joana können heute und morgen nicht in den Großen Raum gehen. (3) Eine Warnung für beide. Zur Erinnerung: Bei der Abstimmung für Konsequenzen gibt es keine Enthaltungen. Man muss für einen Vorschlag stimmen und gegen die anderen. Nur Komiteemitglieder können abstimmen. Wer ist für (1), beim Putzen helfen?
  • [Stefani und Dave melden sich]
  • CASSY: Wer ist dagegen?
  • [Cassy, Carl, Brandon, Naomi und Betty melden sich]
  • CASSY: Wer ist für (2), die Raumsperre?
  • [Cassy, Carl, Brandon, Naomi und Betty melden sich]
  • CASSY: Wer ist dagegen?
  • [Stefani und Dave melden sich]
  • CASSY: Wer ist für (3), die Warnung?
  • [Niemand meldet sich]
  • CASSY: Wer ist dagegen?
  • [Alle melden sich]
  • CASSY: Die Konsequenz Nummer zwei ist Beschlossen, „Jeremy und Joana können heute und morgen nicht in den Großen Raum gehen.“ Jeremy und Joana, versteht ihr eure Konsequenz?

    Beschwerde mit Notizen vom Justizkomitee (Englisch)

  • JEREMY: Ja.
  • JOANA: Ja.
  • CARL: Denkt daran, die Konsequenz auf der Übersichtsliste durchzustreichen wenn ihr sie erledigt habt. Jeremy und Joana, ihr könnt gehen. Wir haben noch zwei weitere Beschwerden. Ich lese jetzt die nächste […]

ENDE

Nach der Sitzung des Justizkomitees heften die JK-Beamten die Beschwerden ab, tragen alle Konsequenzen in einer elektronischen Tabelle ein und bringen die öffentlich aushängende Übersicht aller derzeitigen Konsequenzen auf den neuesten Stand. Wir haben keine Polizei, die sicherstellt dass alle ihre Konsequenzen auch befolgen. Es liegt in der Verantwortung des Schülers/der Schülerin, seine/ihre Konsequenzen zu kennen und zu befolgen. Die Mitarbeiter*innen versuchen, ein Auge auf die Übersicht der Konsequenzen zu haben und bieten besonders neuen und jungen Schüler*innen ihre Unterstützung an. Man kann dafür angezeigt werden, dass man seine Konsequenz nicht befolgt, und man darf das Schulgelände nicht verlassen bzw. nicht auf Schulausflüge fahren wenn man Konsequenzen nicht abgeschlossen hat die mehr als fünf Tage alt sind (normalerweise dürfen Schüler*innen die 13 Jahre und älter sind das Schulgelände für kurze Ausflüge selbständig verlassen).

[Anmerkung: Dies ist ein fiktives Beispiel, es enthält meine persönliche Vorstellung davon, wie unser Justizkomitee die Sache bearbeiten würde. Ich behaupte nicht, dass das die offizielle Verfahrensweise der Diablo Valley School oder des Sudbury-Modells ist.]

Warum das ganze?

Das Justizkomitee ist ein Werkzeug, um Konflikte zu lösen und um unsere Kultur pflegen — eine Kultur, die geprägt ist von Respekt, Verantwortung, und von achtsamem Umgang mit Ressourcen und Räumlichkeiten. Schüler*innen an unserer Schule müssen im Justizkomitee mitwirken weil wir glauben, dass es für die Pflege unserer Kultur entscheidend ist, „beide Seiten“ zu erleben. Unser Meinung nach reicht es nicht, eine Regel zu verabschieden, es muss auch eine Konsequenz geben, wenn man sie nicht befolgt — sonst wird die Regel nicht als Regel wahrgenommen.

Für Fälle, die schwerwiegender sind als das Beispiel oben, ist das Justizkomitee ist besonders wichtig. Wenn jemand beispielsweise jemand anderes geschlagen hat, könnte das JK eine Woche Schulverbot als Konsequenz beschließen. Normalerweise werden solche Fälle aber an die Schulversammlung weitergeleitet, die dann den Fall erneut untersucht und eine abschließende Entscheidung zu Anklage und Konsequenz verabschiedet. Die Schulversammlung hat außerdem das letzte Wort zu allen Entscheidungen des JK, sie kann Entscheidungen jederzeit rückgängig machen oder ändern. Hauptsächlich bespricht die Schulversammlung aber nur schwerwiegende Fälle, in denen ein*e Schüler*in die Sicherheit der Schulgemeinschaft gefährdet. Wenn ein*e Schüler*in wiederholt andere Personen angreift, könnte die Schulversammlung ihn/sie von der Schule ausschließen. Man wird über kurz oder lang von der Schule verwiesen, wenn man:

  1. die Regeln nicht befolgen kann oder will
  2. die Entscheidungen von Justizkomitee oder Schulversammlung nicht anerkennt
  3. sich verweigert, im Justizkomitee mitzuwirken

Vergeltung oder Wiedergutmachung?

Als ich eine andere Sudbury-Schule besuchte, fragte ein weiterer Gast, halb im Scherz: „Und wo ist euer Gefängnis?“ Ich möchte hier ganz klar machen, dass das Ziel des Justizkomitees nicht die Bestrafung oder Vergeltung ist, sondern die Wiederherstellung unserer Gemeinschaft und unserer Kultur (engl. restorative justice). Es ist ungeheuer schwierig, sich gute Konsequenzen auszudenken. Wenn jemand eine Regel zum ersten Mal bricht, wird die Konsequenz wahrscheinlich nur eine mündliche Warnung sein. Aber es liegt in der Verantwortung des Schülers/der Schülerin, die Regel zu befolgen, und sollte er/sie sie noch mal brechen, wird es eine andere Konsequenz geben. Die Konsequenz hat nicht das Ziel, dass der/die Schüler*in sich schlecht fühlt, sondern klarzumachen, dass er/sie die Regel befolgen muss. Die Schulgemeinschaft kann gegebenenfalls Unterstützung anbieten, z.B. könnte eine Konsequenz lauten, sich mit einer/m Mitarbeiter*in über Strategien zum Aggressionsmanagement zu unterhalten. Doch letztendlich liegt das Verhalten in der Verantwortung des Schülers/der Schülerin selbst.

Kinder, die neu an unserer Schule sind, sind sehr verängstigt, wenn sie das erste Mal ins Justizkomitee gerufen werden. Einige Bezeichnungen haben negative Assoziationen , wie „Urteil“, „Anklage“, „anzeigen“. Ich wurde selbst schon angezeigt, und mein Herz raste, als ich ins Justizkomitee gerufen wurde. Ich war so nervös. „Ich habe doch immer versucht alles richtig zu machen!?! Was habe ich falsch gemacht? Was wird meine Konsequenz sein? Was werden andere von mir denken?“ dachte ich. Jemand hatte eine Anzeige gemacht, weil viele Seiten Papier weggeschmissen wurden, obwohl die Rückseite noch nutzbar war. Ja, einige dieser Seiten waren meine, einige hatten meine eigenen Skizzen auf der Vorderseite, einige waren geknittert. Normalerweise lege ich wiederverwendbare Seiten auf den dafür vorgesehenen Stapel. Diese waren teilweise geknittert, und ich wollte auch nicht, dass jemand meine (nicht besonders schönen) Skizzen als Notizzettel verwendet. Meine Konsequenz war eine Warnung. Nun wusste ich, dass in der Schule *alle* Rückseiten zur Wiederverwendung aufgehoben werden, und wenn ich nicht möchte, dass jemand die Rückseite meiner Skizze nutzt, soll ich sie zu Hause wegschmeißen. Das erste Mal ist wohl immer aufregend.

Es gibt außerdem die Möglichkeit, eine Mediation zu beantragen, das bedeutet das es keine Anklage und keine Konsequenzen gibt, nur ein Gespräch, das vom Justizkomitee geleitet wird.

Lerninhalte?

Das Ziel des Justizkomitees ist nicht, dass Schüler*innen Sozialkompetenzen erwerben. Das Ziel des Justizkomitees ist, Konflikte zu lösen und unsere Kultur des Miteinanders zu pflegen. Die folgenden, überaus wichtigen Kompetenzen sind ein Nebenprodukt dieses Prozesses, genau so wie auch alle anderen, überaus wichtigen Kompetenzen, die die Schüler*innen an unserer Schule erlernen, ein Nebenprodukt ihres Schulalltags und ihrer Leidenschaften sind.

„Das Nebenprodukt von Leidenschaft ist Kompetenz, und das Nebenprodukt von Kompetenz ist Erfolg.“  André Stern, sinngemäß

  • Empathie: Um einen Fall zu verstehen und eine Konsequenz zu finden, die dem Betroffenen hilft, die Regel das nächste Mal zu befolgen, ist es entscheidend, dass man sich in alle beteiligten Personen einfühlen kann. Manchmal weinen Kinder im Justizkomitee, oder werden richtig wütend — dann muss man Strategien finden, um mit den Emotionen umzugehen, aber auch den Fall zu behandeln.
  • Kommunikation: Das gesamte Justizkomitee ist Kommunikation. Ohne sich dessen bewusst zu werden, lernt man nur für sich zu sprechen (und nicht für andere), seine Argumente zu strukturieren, und so vieles mehr. Die Mitarbeiter*innen und älteren Schüler*innen sind wichtige Vorbilder.
  • Respekt: Egal was du getan hast, als Mensch verdienst du Respekt.
  • Gleichberechtigung: Jeder erhält die Chance, seinen/ihren Standpunkt zu erklären. Jede*r wird gleich behandelt.
  • Selbstbeherrschung: Auch wenn du total wütend bist, musst du mit sprechen warten, bis du dran bist.
  • Verantwortung: Du bist für deine Handlungen verantwortlich und wirst dafür zur Verantwortung gezogen. Wir haben Regel „unangemessene Reaktion“, wenn dich z.B. jemand schlägt, solltest du nicht zurück schlagen, sondern die Situation verlassen und eine Anzeige schreiben.
  • Integrität: Wenn du lügst, wird es früher oder später ans Licht kommen. Im JK zu lügen ist ein schwerwiegender Regelbruch.
  • Geduld: Siehe das Beispiel-Justizkomitee oben. Nun stellen Sie sich vor, es geht nicht so glatt, z.B. wenn ein 6-jähriges Kind ausrastet.
  • Transparenz: Jeder kann beim Justizkomitee zuhören, es sei denn die JK-Beamten entscheiden, dass es eine sehr private Angelegenheit ist, oder dass schon zu viele Leute im Raum sind. Jede*r kann in der Schulversammlung die wöchentliche JK-Zusammenfassung mit allen Kosequenzen einsehen.
  • Demokratie: Das Justizkomitee ist Teil der Judikative, aber jede*r Schüler*in ist auch Teil der Legislative (jede*r kann in der Schulversammlung Regeln vorschlagen) und Teil der Exekutive (jeder kann in der Schulversammlung über Entscheidungen abstimmen). Als Schüler an der Diablo Valley School erfährt man alle drei Teile einer Demokratie.
  • Gerechtigkeit: Was ist Gerechtigkeit? Schwer zu erklären, aber im Justizkomitee kann man es spüren.

Vergleich mit traditioneller Bildung

Nicht zu vergessen: vergleichen Sie diese Beschreibung mit ihrer eigenen Erfahrung von Schule (wenn sie auf eine traditionelle Schule gegangen sind). Gerechtigkeit“ wird durch Lehrer*innen oder Schulleiter*innen hergestellt. Viele Konflikte werden Lehrer*innen gar nicht erst bekannt, sondern werden unter Schülern ausgetragen, oft bestimmt dadurch, wer stärker oder dominanter ist. Viele Fälle von Mobbing werden nicht bemerkt, weil die Betroffenen Angst haben, oder weil sie zweifeln, dass die Handlungen des Lehrers helfen werden, oder weil sie nicht als Lehrers Liebling gelten wollen. Die Entscheidung, von der Schule ausgeschlossen zu werden trifft der/die Schulleiter*in, manchmal ohne faire Aussprache aller Beteiligten. Und dann muss man im Unterricht still sitzen, und der Lehrer erklärt die Demokratie und schreibt dazu eine Klassenarbeit. Man erwartet, dass die Schüler*innen die oben genannten Kompetenzen erwerben, ohne dass sie ihnen die Zeit geben, diese im authentischen Kontext zu üben.

“An einer traditionellen Schule über Demokratie zu lernen, ist wie im Knast Reiseprospekte zu lesen.” Derry Hannam

Sogar wenn in einer traditionellen Schule ein solches Justizkomitee stattfinden würde, müsste der Lehrer den Schüler*innen Noten geben, wie gut sie bei der Lösungsfindung beteiligt waren, und wie gut sie kommuniziert haben, natürlich bezogen auf Kernkompetenzen aus dem Lehrplan. In Wirklichkeit gibt es keinen Grund dafür, denn die Schüler bewerten sich selbst und andere ständig — nicht mit Worten oder Noten, aber jeder spürt es. Besonders die JK-Beamten stehen unter starker Beobachtung, denn sie haben die Fäden in der Hand und damit sehr viel Einfluss.

Sie haben es bis zum Ende geschafft! Vielen Dank fürs Lesen. Ich freue mich über Reaktionen, Gedanken und Rückmeldungen zu diesem Blogeintrag. Außer „Der Eintrag ist zu lang“, das weiß ich schon. 2911 Wörter um genau zu sein.

 

2 thoughts on “Wenn man eine Regel bricht

  1. Sehr guter, interessanter Beitrag!
    Bis auf die letzten 3 Zeilen. Warum erwartest Du eine Bewertung oder versuchst, ihr vorzubeugen, weil Dein Artikel zu lang sein könnte?
    Die Leute müssen es ja nicht lesen!
    Aber die, die es interessiert, sind vielleicht dankbar für die Beschreibung!
    Ich danke Dir jedenfalls für die Mühe, denn ich weiß, wieviel Zeit es braucht, so etwas zu schreiben, und für mich war das so sehr anschaulich.

    • Das mit dem „zu lang“ war halb als Scherz gemeint, und halb ernst, weil ich ihn selbst zu lang fand, aber keinen Weg gefunden habe, ihn kürzer zu machen. Und es geht mir nicht so sehr um Bewertungen, im Sinne von „super!“ oder „schlecht!“, sondern um Gedanken und Reaktionen, die meine Leser haben. Das ist interessant für mich, und es hilft mir zu reflektieren.

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