Kein Lehrplan, keine Tests, keine Noten?

Seit vier Monaten arbeite ich jetzt an einer Sudbury-Schule, und ich bin immer noch beeindruckt davon, wie anders unsere Vorstellung von Bildung ist, und ich bin traurig, dass so wenig Menschen davon wissen. In diesem Blogeintrag erkläre ich Hintergründe der Sudbury Philosophie und wie sie sich von traditioneller Bildung unterscheidet.

Wenn Sie an Bildung denken, denken Sie wahrscheinlich an fremdbestimmte Bildung. Sie denken an Lehrer*, die den Schülern sagen, was Sie tun sollen. Selbstbestimmte Bildung hingegen geht immer vom Schüler aus. Der Schüler entscheidet jede Tätigkeit selbst. Dies kann zu Hause geschehen (genannt Freilernen oder Unschooling), oder in einer Schule. Ist die Schulgemeinschaft demokratisch organisiert, spricht man von demokratischer Bildung. Sudbury-Schulen orientieren sich an der Struktur und den Prinzipien der Sudbury Valley School in Massachusetts, USA. Die Sudbury Valley School wurde 1968 gegründet und hat derzeit 140 Schüler zwischen 4 und 19 Jahren. Zur Zeit gibt es etwa 50 Schulen weltweit, die sich als Sudbury-Schulen verstehen. Ein Beispiel für eine demokratische Schule, die keine Sudbury-Schule ist, ist die 1921 gegründete Summerhill School im Vereinigten Königreich.

Ich befürworte selbstbestimmte Bildung in allen seinen Facetten. Wenn ein Kind freilernen möchte, ohne in eine Schule zu gehen, dann befürworte ich das. In Deutschland ist das zur Zeit illegal, in den USA und vielen anderen Ländern ist es erlaubt. Persönlich mag ich aber die Idee, dass Menschen in einer (Schul-) Gemeinschaft zusammenkommen, und ich befürworte die Idee, die Gemeinschaft demokratisch zu organisieren. Deshalb lerne ich gerade alles was ich kann an der Diablo Valley School in Kalifornien, USA.

   „Der Ausgangspunkt unserer Überlegungen war die scheinbar revolutionäre Idee, dass Kinder Menschen sind, und vollen Respekt als Mensch verdienen.

Daniel Greenberg, Mitgründer der Sudbury Valley School

Was ist der Unterschied zwischen fremd- und selbstbestimmter Bildung?

1) Wahrnehmung von Kindern

  • Fremdbestimmte Bildung: Kinder sind unvollständige Erwachsene. Kinder müssen von Erwachsenen geformt, kontrolliert und belehrt werden, sonst werden sie zu verdorbenen, verantwortungslosen, gescheiterten Erwachsenen. Die Verantwortung für die Bildung eines Kindes liegt zu 100% beim Lehrer. Kinder sind nicht kompetent, ihr Leben zu bewältigen, sie sind mit vielen Dingen überfordert. Es ist die Aufgabe der Erwachsenen, Kinder davon abzuhalten, eigene Entscheidungen zu treffen, denn sie werden die falschen Entscheidungen treffen.
  • Selbstbestimmte Bildung: Kinder sind Menschen und verdienen den gleichen Respekt wie Erwachsene. Kinder sind kompetent, ihr Leben selbst zu managen. Die Verantwortung für die Bildung eines Kindes liegt zu 100% beim Kind selbst. Kinder wissen selbst am besten, was gut für sie ist und was sie wollen, also sollten sie alltägliche Entscheidungen selbst treffen, z.B. womit sie sich beschäftigen, was sie essen wollen, wie sie sich kleiden, wofür sie ihr Taschengeld ausgeben. (Anm.: Ich meine damit nicht, dass Kindern jeder Wunsch erfüllt werden sollte. Natürlich müssen auch Bedürfnisse anderer respektiert werden, und es gibt Rahmenbedingungen, die sich nicht ändern lassen.)

Aus dieser Wahrnehmung von von Kindern folgt automatisch die Philosophie und der Alltag in fremd- und selbstbestimmten Schulen:

2) Grundlegende Merkmale des Schulsystems

  • Fremdbestimmte Bildung: Da Schüler nicht kompetent sind, sich selbst zu bilden, müssen Erwachsene bestimmen, was, wann, wo, wie und mit wem die Kinder lernen sollen. Man zerteilt das Netz des Wissens in Fächer und legt fest, welche Häppchen man in welchem Alter wiedergeben können muss. Man teilt die Schüler in Altersgruppen. Man teilt den Tag der Schüler in Zeitfenster auf und weist die Fachlehrer den Schülergruppen und den Zeitfenstern zu. Man gibt den Lehrern ein Instrument, die Schüler dazu zu bringen, das zu tun, was der Lehrer will (Schulnoten). Die Lehrer testen häufig und verteilen viele Noten. Man sagt den Schülern in jeder Minute, was sie jetzt zu tun haben.
  • Selbstbestimmte Bildung: Da Schüler kompetent sind, sich selbst zu bilden, haben die Schüler die volle Kontrolle darüber, wie sie ihre Zeit nutzen. Erwachsene mischen sich nicht ein, es sei denn, ein Schüler bittet sie um etwas, oder es handelt sich um eine gefährliche Situation. Es gibt keinen Lehrplan, keine Klassen/Kurse (es sei denn, die Schüler verlangen danach), keine Noten, keine Tests. Schüler können mit anderen Schülern jeden Alters interagieren (5 bis 18 Jahre).
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Wenn Schüler ihre Aktivitäten selbst bestimmen können, tauschen sie sich viel aus. So erlernen sie sozialen Umgang, sie sprechen über alles mögliche und lernen so die Welt und die Meinungen anderer kennen. Und manche lernen, Ukulele zu spielen und dazu zu singen.

Aber wie lernen Schüler an einer Sudbury-Schule?

Das Leben ist der Lehrplan. Wir haben eine viel zu enge Vorstellung davon, was Lernen ist. Wir denken, „Lernen“ geschieht, wenn man 30 Schüler mit ein paar Büchern und einem Lehrer für 45 Minuten in einen Raum setzt. In Wirklichkeit lernen wir alle ständig, und zwar sehr effizient. Menschen sind mit Neugier und dem Drang nach Autonomie ausgestattet. Kinder wollen alles erlernen, was ihre Autonomie erhöht, z.B. laufen, sprechen, schreiben, rechnen und so weiter. Wir leben in einer Gesellschaft, die häufig schriftlich kommuniziert, wir nutzen Geld um Güter zu kaufen, und wir nutzen Computer für die vielfältigsten Aufgaben. Kinder, die in so einer Umgebung aufwachsen, haben den natürlichen Drang, diese Werkzeuge zu meistern.

Ich kann das jeden Tag beobachten, zum Beispiel wenn wir auf Wunsch von ein paar Fünf- und Sechsjährigen in den Supermarkt gegenüber gehen: Sie lernen, die Preisschilder zu lesen und zu berechnen, wie viele Lutscher sie mit ihrem Taschengeld kaufen können. Das ist dreistellige Addition, manchmal auch Subtraktion und Multiplikation, und sie lernen es ohne Zwang, ohne Tests, ohne Noten. Sie lernen es, weil sie diese Kompetenz brauchen, um ihr Leben zu leben, und weil sie nicht für immer auf andere angewiesen sein wollen, um diese Berechnungen für sie durchzuführen. Oder wenn Schüler Minecraft auf öffentlichen Servern spielen, dann lernen sie über Netzwerke und IPs und Cheats (grundlegendes Programmieren) und mögliche Gefahren der Onlinekommunikation. Oh, und natürlich lernen sie Lesen und Schreiben – ohne Hilfe von Erwachsenen.

Doch über diese grundlegenden Fähigkeiten hinaus muss nicht jeder das Gleiche können. Nur man selbst kann entscheiden, welches Wissen und welche Fähigkeiten man braucht, um seine Ziele zu erreichen. Bei jüngeren Schülern ist das meist ein unbewusster Prozess, sie folgen ihrer Intuition und entwickeln dabei genau ihre persönlichen Potentiale. Bei älteren Schülern ist es häufiger ein bewusster Prozess, wenn sie konkrete Pläne für ihre Karriere entwickeln. Außenstehende können nie mit Sicherheit sagen, was ein bestimmter Schüler können muss, um seine Ziele zu erreichen – erst recht keine Lehrplanentwickler oder Bildungspolitiker, die den Schüler nicht mal kennen. Außerdem lernen Menschen nie die gleichen Dinge im gleichen Alter, also sollten wir sie nicht dazu zwingen. Dieser Zwang kann zu psychischen Schäden und Verlust des Selbstwertgefühls führen, und das darf auf keinen Fall das Ergebnis von Bildung sein.

Also können sie den ganzen Tag tun, was sie wollen?

The Judicial Committee is run by two clerks, usually students.

Das Justizkomitee wird meistens von zwei Schülern geleitet. Es behandelt Regelbrüche in der Schule.

Ja, solange sie sich an die Schulregeln halten. Bildung wird nicht reguliert, doch für das Verhalten gibt es rund 200 Regeln. Diese Regeln werden von der Schulversammlung beschlossen, dem zentralen Entscheidungsorgan der Schule. Hier hat jeder Schüler und jeder Mitarbeiter eine Stimme – ja, das bedeutet die Kinder/Jugendlichen können die Erwachsenen überstimmen. Doch die Regeln, die hier beschlossen werden, sind sehr sinnvoll und verantwortlich. Hier einige Beispiele aus dem aktuellen Regelbuch:

B2A. BELÄSTIGUNG: Niemand darf andere physisch oder verbal belästigen. Physische Belästigung beinhaltet Schlagen, Schubsen, Treten, Beißen und jede andere Form von physischer Gewalt. Sind alle Beteiligten einverstanden, sind Raufereien erlaubt.

F11. SCHUHE AUF MÖBELN: Personen dürfen auf Polstermöbeln stehen oder springen, nachdem sie ihre Schuhe ausgezogen haben. Falls das Tragen von Schuhen auf Möbeln für Wartungsarbeiten notwendig ist, ist es erlaubt. In diesem Falle sollten entsprechende Maßnahmen getroffen werden, um die Möbel zu schützen. Auf gepolsterten Stühlen sind Schuhe nicht erlaubt.

B12. VERKAUF IN DER SCHULE: Jede Aktivität, die von Schülern oder Mitarbeitern in der Schule mit dem Ziel durchgeführt wird, Geld einzunehmen, bedarf der Zustimmung der Schulversammlung. Die Schulversammlung kann eine Kompensation für das Privileg eines solchen Geschäfts verlangen.

Alle staatlichen Gesetze gelten auch innerhalb der Schule. Wenn jemand der Meinung ist, eine Regel sei gebrochen worden, können sie eine Beschwerde beim Justizkomitee einreichen. Das Justizkomitee besteht aus sechs Kindern/Jugendlichen und einem Mitarbeiter und trifft sich täglich. Es untersucht dann den Fall und entscheidet eine Konsequenz, falls dies für nötig gehalten wird. Ich werde in einem anderen Blogeintrag detaillierter zum Justizsystem an Sudbury-Schulen schreiben.

Unverantwortlich?

Ich glaube die meisten Eltern schicken ihre Kinder auf eine fremdbestimmte Schule, weil sie selbst auf so einer waren, und weil sie glauben, das wäre die verantwortlichste Entscheidung. Sie glauben, ihre Kinder auf eine selbstbestimmte Schule zu schicken sei unverantwortlich, sie glauben, dass ihre Kinder im Leben versagen würden und das wäre dann die Schuld der Eltern. Sie haben Angst, dass die Gesellschaft, Freunde und Familie auf sie herab schauten, wenn ihre Kinder auf so eine Schule gingen. Wenn ich eine Sache über Bildung gelernt habe, dann das: Wenn Sie wollen, dass Ihre Kinder ein glückliches und erfolgreiches Leben führen, VERTRAUEN Sie ihnen und unterstützen Sie ihre Kinder, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Das ist das Verantwortlichste, was sie als Eltern tun können. Ihre Kinder werden es Ihnen danken.

Vielen Dank fürs Lesen. Haben Sie beim Lesen einen Widerstand gespürt, hatten Sie Gedanken, warum dieser Ansatz falsch/unverantwortlich ist? Ich möchte wirklich gern von Ihnen hören, kommentieren Sie direkt hier oder schreiben Sie mir eine E-Mail (siehe contact).

*… auf diesem Blog verwende ich das generische Maskulinum. Alle männlichen Formen beziehen sich auch auf das weibliche Geschlecht.

5 thoughts on “Kein Lehrplan, keine Tests, keine Noten?

  1. Ja, ich finde das großartig und würde als pensionierte Lehrerin (71) am liebsten nochmal von vorne anfangen. Superansatz, bring ihn mit nach Deutschland. Es tut sich hier auch langsam was….der Weg wäre sehr sinnvoll!!!

  2. Toller Artikel, Danke Alexander! Ja, Du hast recht, es geht um zwei verschiedene Arten Kinder wahrzunehmen. Mir wird gerade noch mal die Unvereinbarkeit der zwei Ansätze klar.
    LG,
    Marina

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